Das Erste Testament
Erich Zenger


Vorwort


Dieses Buch hat einen theologischen und einen biographischen Anlass; beides gehört freilich eng zusammen.
Das laufende Sommersemester 1991 ist mein 40. Semester als Lehrer des "Alten Testaments". Ich habe im Wintersemester 1971/72 an der damaligen "Kirchlichen Theologischen Hochschule in Bayern. Sitz Eichstätt" begonnen; seit Sommersemester 1973 bin ich an der Universität Münster. Ich habe in dieser Zeit mit Freude erlebt, dass ich das "Alte Testament", das ich sehr liebe, vielen Menschen, insbesondere der großen Zahl unserer Münsteraner Studentinnen und Studenten, nahebringen konnte. Nicht wenige haben es liebgewonnen und leben mit ihm.
Die Zahl 40 markiert nach biblischer Tradition einen Einschnitt. So möchte ich eine Zwischenbilanz ziehen. Ich will zusammenfassend darlegen, worin ich die theologische Bedeutung des Ersten Testaments, wie ich es lieber nenne, sehe. Das kann ich freilich nicht, ohne mit Trauer wahrzunehmen, dass es dieses Buch bei den Christen (unnötig) schwer hat.
Bis heute haben Theologie und Kirche ein ungeklärtes Verhältnis zu diesem Teil der christlichen Bibel. Entweder wird er faktisch ignoriert (wo wird schon darüber gepredigt?) und insgeheim verachtet (was kann man nicht alles über "alttestamentliche" Texte lesen, sogar bei christlichen "Alttestamentlern"!), oder er wird, freilich selektiv, christlich so vereinnahmt, dass er den Juden, seinen Erstadressaten, weggenommen wird von der Kirche, die sich für das "wahre" Israel hält und in dem die mit dem "alttestamentlichen" Israel begonnene Offenbarungsgeschichte angeblich "aufgehoben" ist.
Nach Auschwitz und angesichts der durch das Zweite Vatikanum eröffneten neuen Sicht des Verhältnisses von Kirche und Israel wird es höchste Zeit, dass das Erste Testament als authentisches Buch der Juden und als unverzichtbarer Teil der christlichen Bibel sein Erstgeburtsrecht zurückerhält. Dazu möchte diese Streitschrift einen Beitrag leisten.
Das Jahr 1992 wurde zum "Jahr der Bibel" erklärt. Ich würde mich freuen, wenn meine Überlegungen nicht nur bei der Überwindung der Missverständnisse und Vorurteile, die sich mit dem "Alten Testament" verbinden, mithelfen könnten. Vor allem möchte ich neue Perspektiven für den christlichen Umgang mit diesen den Juden und Christen gemeinsamen "Heiligen Schriften", die die Bibel Jesu waren, eröffnen.
Die Widmung soll festhalten, wie viel ich für meine Sicht des Ersten Testaments jüdischen Freundinnen und Freunden verdanke.
Für Hilfe bei der Fertigstellung des Manuskripts danke ich Barbara Bögge-Schröder, Ilse Müllner und wieder besonders Resi Koslowski; für Hilfestellung bei auftretenden PC-Problemen danke ich Dr. Ludger Schwienhorst-Schönberger.

Erich Zenger

Vorwort zur 2. Auflage


Auf keines meiner Bücher habe ich so viele Zuschriften und Telefonate erhalten wie auf dieses. Zwei Dinge haben mich besonders gefreut: Die Reaktionen kamen aus sehr unterschiedlichen Bereichen, und das Echo war bislang ausschließlich positiv! Dass nach so kurzer Zeit schon die 2. Auflage ansteht, läßt hoffen, dass die christlich-jüdische Reflexion endlich auf breiteren Wegen geht.

Erich Zenger


Zur Einführung


"Gib einen alten Freund nicht auf,
denn ein neuer hält vielleicht nicht zu dir.
Ein neuer Freund ist wie neuer Wein:
erst alt trinkst du ihn gern."
(Jesus, Sohn des Sirach, aus Jerusalem: Sir 9,10)


"Niemand, der alten Wein getrunken hat, will neuen.
Denn er sagt:
Der alte Wein ist besser!"
(Jesus aus Nazaret: Lk 5,38)


"Nicht du trägst die Wurzel,
die Wurzel trägt dich."
(Paulus aus Tarsus: Röm 11,18)


"Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas 'Äußerliches',
sondern gehört in gewisser Weise zum 'Inneren' unserer Religion.
Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion.
Ihr seid unsere bevorzugten Brüder
und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder."
(Johannes Paulus II. aus Rom zu den Juden von Rom am 13.4.1986)