Der Cherubinische Wandersmann
des Angelus Silesius (Johann Scheffler)
1624 - 1668


Erstes Buch
23. Die geistliche Maria.

Ich muss Maria sein und Gott aus mir gebären,
Soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren.

24. Du musst nichts sein, nichts wollen.

Mensch, wo du noch was bist, was weißt, was liebst und hast,
So bist du, glaube mir, nicht ledig deiner Last.

25. Gott ergreift man nicht.

Gott ist lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier (Ort und Zeit):
Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.

S. 37

30. Es ist kein Tod.

Ich glaube keinen Tod: sterb ich gleich alle Stunden,
So hab ich jedesmal ein besser Leben funden.

31. Das immerwährende Sterben.

Ich sterb und lebe Gott: will ich ihm ewig leben,
So muss ich ewig auch vor ihm den Geist aufgeben.

S. 40

37. Die Unruh kommt von dir.

Nichts ist, das dich bewegt: du selber bist das Rad,
Das aus sich selbsten lauft und keine Ruhe hat.

S. 41

50. Der Thron Gottes.

Fragst du, mein Christ, wo Gott gesetzt hat seinen Thron?
Da, wo er dich in dir gebieret seinen Sohn.

S. 44

58. Der eigen Gesuch.

Mensch, suchst du Gott um Ruh, so ist dir noch nicht recht:
Su suchest dich, nicht ihn! Bist noch nicht Kind, nur Knecht.

S. 45

60. Leib, Seele und Gottheit.

Die Seel ist ein Kristall, die Gottheit ist ihr Schrein,
Der Leib, in dem du lebst, ist ihrer beider Schrein.

61. In dir muss Gott geboren werden.

Wird Christus tausendmal zu Betlehem geborn
Und nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verlorn.

62. Das Äußre hilft dir nicht.

Das Kreuz zu Golgota kann nich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgericht, erlösen.

63. Steh selbst von Toten auf.

Ich sag, es hilft dir nicht, dass Christus auferstanden,
Wo du noch liegen bleibst in Sünd und Todesbanden.

S. 46

64. Die geistliche Säung.

Gott ist ein Ackersmann, das Korn sein ewges Wort,
Die Pflugschar ist sein Geist, mein Herz der Säungsort.

65. Armut ist göttlich.

Gott ist das ärmste Ding, er steht ganz bloß und frei:
Drum sag ich recht und wohl, dass Armut göttlich sei.

66. Das Herz ist Gottes Herd.

Wo Gott ein Feuer ist, so ist mein Herz der Herd,
Auf welchem er das Holz der Eitelkeit verzehrt.

68. Ein Abgrund ruft dem andern.

Der Abgrund meines Geists ruft immer mit Geschrei
Den Abgrund Gottes an: sag, welcher tiefer sei?

S. 47

182. Der Löhner ist nicht Sohn.

Mensch, dienst du Gott um Gut, um Seligkeit, um Lohn,
So dienst du ihm noch nicht aus Liebe wie ein Sohn.

S. 74

Drittes Buch
117. Der Eckstein ist das Beste.

Den Goldstein suchet man und läßt den Eckestein,
Durch den man ewig reich, Gesund und klug kann sein.

S. 200

118. Der Weisen Stein ist in dir.

Mensch, geh nur in dich selbst! Denn nach dem Stein der Weisen
Darf man nicht allererst in fremde Lande reisen.

121. Wir habens besser als die Engel.

Den Engeln geht es wohl, noch besser uns auf Erden:
Denn keiner ihrs Geschlechts kann Gotts Gemahlin werden.

122. Das größte Wunderwerk.

Kein größer Wunderwerk hat man noch nie gefunden,
Als dass dich Gott mit Kot (dem Menschen) hat verbunden.

S. 201

153. Die Knechte, Freunde und Kinder.

Die Knechte fürchten Gott, die Freunde lieben ihn,
Die Kinder geben ihm ihr Herz und allen Sinn.

S. 211



Dies ist nur eine Kostprobe, keine repräsentative Auswahl, auch keine Sammlung aller Highlights.
Wenn man es schafft, von der zeitgebundenen Sprache
der Barockzeit und den manchmal gezwungenen Reimen abzusehen,
wird man bei Angelus Silesius reich beschenkt
mit einem Kompendium christlicher Mystik.