Ich hörte auf die Stille.
Sieben Monate im Trappistenkoster.
Geistliches Tagebuch von Henri J.M. Nouwen
1932 - 1996

Foto von Henri J.M. Nouwen


Einführung


Mein Wunsch, sieben Monate in einem Trappistenkloster zu leben, und zwar nicht als Gast, sondern wie ein Mönch, ist nicht über Nacht aufgekommen. Er hat sich nach vielen Jahren ruhelosen Suchens ergeben. Während ich Unterricht gab, Vorlesungen hielt und darüber schrieb, wie wichtig Einsamkeit, innere Freiheit und der Friede des Herzens seien, stolperte ich fortwährend über meine eigenen Zwänge und Illusionen. Was trieb mich eigentlich von einem Buch zum andern, von einem Ort zum andern, von einem Vorhaben zum andern? Was ließ mich über die "Wirklichkeit des Unsichtbaren" denken und reden mit dem Ernst eines Menschen, der tatsächlich alles das, was wirklich ist, gesehen hat? Welche Kraft verkehrte meine Berufung, Zeuge der Liebe Gottes zu sein, in einen ermüdenden Job? Diese Fragen schlichen sich immer und immer wieder in meine wenigen unausgefüllten Augenblicke ein und forderten mich heraus, meinem ruhelosen Ich ins Gesicht zu blicken. Vielleicht redete ich mehr über Gott, als dass ich mit ihm sprach. Vielleicht hielt mich mein Geschreibe über das Gebet ab von einem Leben, das wirklich vom Gebet erfüllt war. Vielleicht kümmerte ich mich mehr um das Lob von Männern und Frauen als um die Liebe Gottes. Vielleicht war ich dabei, langsam ein Gefangener dessen zu werden, was die Leute von mir erwarteten, statt ein Mensch, der durch die Verheißungen Gottes die Freiheit erlangt hat. Vielleicht ... Mir standen alle diese Fragen nicht so klar im Bewusstsein, aber ich erkannte jedenfalls, dass ich nur dann zu größerer Klarheit kommen konnte, wenn ich einmal auf Abstand gehen und den unbarmherzigen Fragen erlauben würde, an mich heranzukommen, selbst auf die Gefahr hin, dass sie mich verletzen könnten. Doch es war nicht so leicht, Abstand zu gewinnen. Es war mir gelungen, mich mit so vielem zu umgeben - Schulstunden, die ich vorbereiten, Vorlesungen, die ich halten, Menschen, die ich treffen, Anrufen, die ich tätigen, und Briefen, die ich beantworten musste -, dass ich nahe daran war zu glauben, ich sei ein unentbehrlicher Mensch.
Als ich meinen Zustand näher betrachtete, wurde mir klar, dass ich mich in einem Spinnennetz seltsamer Widersprüche verfangen hatte. Ich klagte zwar darüber, dass man so viele Forderungen an mich stellte, aber mir wurde unbehaglich zumute, wenn sie einmal ausblieben. Ich jammerte über die Last der Korrespondenz, aber ein leerer Briefkasten machte mich trübsinnig. Ich murrte über die ermüdenden Vortragsreisen, aber ich empfand tiefe Enttäuschung, wenn keine Einladungen kamen. Ich schwärmte voller Heimweh von einem leeren Schreibtisch und fürchtete zugleich den Tag, an dem mein Schreibtisch tatsächlich einmal leer sein würde. Kurz: ich war voll Sehnsucht nach dem Alleinsein und hatte zugleich doch Angst davor, allein gelassen zu werden. Je mehr ich mir dieser Widersprüche bewusst wurde, desto mehr begann ich einzusehen, wie sehr ich in Wirklichkeit in meine eigenen Zwänge und Illusionen verliebt war und wie sehr es mir nottat, auf Abstand zu gehen und der Frage auf den Grund zu kommen: "Gibt es unterhalb des Hin- und Hergewoges von Bestätigt- und Zurückgewiesenwerden in meiner kleinen Welt einen ruhigen, beharrlichen Strom? Gibt es einen Fluchtpunkt, in dem mein Leben verankert ist und von dem aus ich voll Hoffnung und Mut und Zuversicht in die Welt hinausgehen kann?"
Ich erkannte, dass es für mich immer dringlicher wurde, Abstand zu gewinnen, aber ich wusste zugleich, dass ich das niemals allein fertigbringen würde. Anscheinend braucht man für seine lebenswichtigen Entscheidungen und grundlegenden Erfahrungen einen Führer. Den Weg zu "Gott allein" geht ein Mensch selten allein. Für mich war es eigentlich gar keine Frage, dass ich auf eine Führung angewiesen war. Zuerst war mir sehr unklar, was das genau bedeuten sollte. Doch wurde ich durch meine eigenen Reisen auf den Straßen der Vereinigten Staaten, wie auch auf den Pfaden des geistlichen Suchens, allmählich auf eine Antwort vorbereitet.
Vor etwa zehn Jahren kehrte ich auf einer langen Fahrt von Miami nach Topeka in der Trappistenabtei Gethsemani in Kentucky ein, in der Hoffnung, dort jemanden zu finden, mit dem ich über meine Fragen sprechen könnte. Als der Gastpater hörte, dass ich Psychologie studiert hatte und in Kürze unter die Lehrkräfte einer psychologischen Fakultät aufgenommen würde, sagte er mit einem vergnügten Augenzwinkern: "Wir Trappisten haben auch einen Psychologen! Ich will ihn bitten, Sie zu besuchen." Wenig später betrat Pater John Eudes Bamberger das Gästezimmer. Sehr bald wusste ich, dass ich einer seltenen und sehr überzeugenden Persönlichkeit begegnet war. John Eudes hörte mir aufmerksam und interessiert zu, zugleich jedoch verriet er eine tiefe eigene Überzeugung und eine klare Sicht der Dinge. Er widmete mir viel Zeit und Aufmerksamkeit, erlaubte mir aber nicht, auch nur eine Minute zu vergeuden. Er ließ mir völlige Freiheit, meine Gefühle und Gedanken zum Ausdruck zu bringen, zögerte aber auch nicht, seine eigenen Empfindungen darzulegen. Er bot mir den Spielraum, meine Wahlmöglichkeiten abzuwägen und Entscheidungen zu treffen, hielt aber dabei nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg, dass bestimmte Wahlmöglichkeiten und Entscheidungen besser seien als andere. Er ließ mich meinen eigenen Weg finden, ohne dabei die Landkarte zu verstecken, die die rechte Richtung zeigte. In unserem Gespräch erwies sich John Eudes nicht nur als guter Zuhörer, sondern auch als geistlicher Führer. Ich brauchte nicht lange, um mir darüber im klaren zu sein, dass dies der Mann war, den ich so nötig hatte.
John Eudes' Werdegang, in dem sowohl die Psychologie als auch die Theologie eine wichtige Rolle gespielt haben, erwies so viele Ähnlichkeiten mit meiner eigenen Entwicklung, dass ich das lebhafte Gefühl bekam, bei unserer Begegnung sei die Führung Gottes im Spiel gewesen. Seine medizinische und psychiatrische Ausbildung, sein theologisches Studium und seine monastische Formung sowie die weitreichenden Erfahrungen von seiner Dienstzeit bei der US-Marine bis zu seinen Aufgaben als Krankenwärter und Novizenmeister schienen mir viele meiner eigenen Unternehmungen, Bestrebungen und Traumvorstellungen widerzuspiegeln.
Diese ungewöhnliche Kombination von Verschiedenheiten und Ähnlichkeiten bot den günstigen Nährboden, auf dem eine geistliche Führung wachsen und weiterwachsen konnte. Kein Wunder also, dass ich während meiner vielen weiteren Besuche in Gethsemani John Eudes nicht nur als einen sehr einsichtsvollen, sondern auch als einen sehr mitfühlenden geistlichen Führer kennenlernte.
Ich war dann drei Jahre in Europa und hatte in dieser Zeit nur sehr wenig Kontakt mit John Eudes. Dann hörte ich, er sei zum Abt der Abtei Genesee im Norden des Staates New York gewählt worden. Mein erster Besuch dort brachte mich auf den Gedanken, dass ich vielleicht in naher Zukunft einmal aus meiner Arbeit ausbrechen, meine Zwänge und Illusionen erforschen und als "Mönch auf Zeit" unter der regelrechten Führung von John Eudes leben könnte. Ich erinnere mich lebhaft, mit welchem Zögern ich diese Idee vorbrachte. Ich war mir der Ungewöhnlichkeit meines Wunsches, ein Trappist auf Zeit zu werden, so sehr bewusst, dass ich als Antwort nicht viel mehr als ein Lächeln erwartete, das besagte: "Wir treten hier auf Lebenszeit ein, nicht für eine Sabbatzeit." Aber das Nein, das ich erwartet hatte, blieb aus. John Endes zeigte Verständnis für diese Idee und sagte: "Obwohl unsere Mönchsgemeinschaft keine Mitglieder auf Zeit aufnimmt, will ich doch über Ihren Wunsch nachdenken, ihn mit den Mönchen besprechen und sehen, ob wir eine Ausnahme machen können." Ein halbes Jahr später kam ein Brief mit der guten Nachricht, ich sei "hereingewählt" worden und könne kommen, sobald es mir möglich sei. Schließlich flog ich am 1. Juni 1974, nach einer großen Aufräumaktion auf meinem Schreibtisch, nach Rochester im Staat New York, um sieben Monate lang als Trappistenmönch zu leben; und an Pfingsten, dem 2. Juni, begann ich die Aufzeichnungen, die in diesem Tagebuch ihre endgültige Form gefunden haben.



Dieses Buch ist bereits in 15. Auflage erschienen.