Homiletik. Ein Handbuch für kritische Zeiten.
von Prof. Dr. Dr. habil. Klaus Müller



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Prof. Dr. Dr. Klaus Müller während der Gastprofessur in Tamale, Ghana - 2005

Das Krokodil

  schni, schna, schnappi …
  es ringt nach Luft
  es lächelt

Ihr Ergebnis =

Korrekte Antwort:

Hier der Inhalt dieses Buches, wie ihn der Autor selber darstellt.
Seit den Zeiten im Priesterseminar in Regensburg bin ich ihm freundschaftlich verbunden,
damals wohnten wir Tür an Tür.
Jetzt ist er Professor für "philosophische Grundfragen der Theologie" an Deutschlands größter katholisch-theologischen Fakultät an der Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster.
Er hat auch schon so manche klugen Werke über philosophische Themen geschrieben,
aber sie zu verstehen, reicht mein Verstand nicht.
Das hier ist eines der weniger Werke von ihm, bei dem auch mein Grips reicht.


Der rote Faden.

Thomas von Aquin ist nicht ganz zutreffend beschrieben, wenn man ihn den Startheologen des Hochmittelalters nennt - nicht nur, weil seine philosophisch-theologische Position zum Teil lang anhaltenden Widerstand bis hin zu ausdrücklichen Verurteilungen einzelner Sätze erfuhr. Ebenso haben die nicht ganz recht, die wegen der partiellen Anthropozentrik seines Ansatzes in ihm so etwas wie einen der allerersten modernen Theologen erblicken, wie das Karl Rahner und noch viel mehr Johann Baptist Metz in jeweils frühen Studien getan haben. Sehr wohl aber hat Thomas vor Aquin mit Hilfe des zu seiner Zeit eben wiederentdeckten Aristoteles zu einem integrativen Konzept gefunden, das ihm erlaubte, die Weltlichkeit der Welt ineins mit Gottes Gottsein so zu fassen, das eines nicht auf Kosten des anderen zur Geltung gebracht wird. Daraus ergeben sich dann tatsächlich Züge einer Art vorweggenommener Moderne, ohne dass deren Auftrittsbedingungen zu Thomas' Zeiten bereits gegeben gewesen wären. Obwohl der Aquinate dem Ordo Praedicatorum, also dem von Domingo Guzman gegründeten Predigerorden angehörte, hat er nirgends homiletische Reflexionen im eigentlichen Sinn angestellt. Dennoch findet sich in seinem Spätwerk "Summa theologiae" eine Beschreibung der Verkündigungsarbeit, die nach meiner Ansicht exzellent die Funktion eines Leitfadens für eine systematische Homiletik erfüllen kann.
Im zweiten Abschnitt des zweiten Teils der "Summa theologiae" befasst sich Thomas u. a. einige quaestiones lang mit dem Ordensleben. Sth 11-11 q 188 a 6 stellt er sich die Frage, ob die der vita contemplativa oder die der vita activa gewidmete Ordensexistenz vorzüglicher sei. Im corpus des Artikels heißt es dazu u. a., aus dem bislang Erörterten ergebe sich,
"dass die Aufgabe des tätigen Lebens eine doppelte ist. Eine, welche aus der Fülle der Beschauung fließt, wie die Lehre und die Predigt. Deshalb sagt auch Gregor, dass es 'von den vollkommenen Männern, die von ihrer Beschauung zurückkehren, heißt: Sie strömen die Erinnerung an deine Lieblichkeit aus' [Ps 145 (144),71]. Und das ist der einfachen Beschauung vorzuziehen, denn wie es besser ist, zu erleuchten, als nur zu leuchten, so ist es auch größer, das in der Beschauung Empfangene an andere weiterzugeben, als bloß der Beschauung zu leben."
Man kann aus dieser Passage unschwer die Formel ableiten: "praedicatio est contemplari et contemplata aliis tradere" (Predigen heißt meditieren und Meditiertes anderen weitergeben). In dieser Formel treten logisch, d.h. nicht immer eigens ausgesprochen, sämtliche Felder auf, denen sich eine Homiletik zu widmen hat. Gehen wir der Reihe nach vor:

"Gott spricht".

Predigt wurzelt, so sagt Thomas, ursprünglich in der Kontemplation des Predigers. Kontemplation hat immer einen Gegenstand; für den Prediger ist das logischerweise das Wort Gottes, wie es ihm in der Bibel begegnet. Darum erster Schritt für uns: Was heißt "Gott spricht"?

Was ist Sprache?

Wie immer die Antwort ausfallen wird - fest steht, dass uns dieses Wort Gottes - sei es in Gestalt gesprochener Verkündigung, sei es verschriftlicht - sprachlich begegnet. Wir tun darum gut, uns ein Stück weit über die Wesens- und Eigengesetzlichkeit des hochkomplizierten Phänomens Sprache Gedanken zu machen. Wie wir Gottes Wort vernehmen, ist nicht unabhängig davon, was Sprache für sich ist - zweiter Schritt.

Hermeneutik.

Damit ist auch schon das Stichwort für die dritte Etappe gefallen: Ich vernehme etwas nur, indem ich es verstehe oder nicht verstehe. Verstehen aber stellt sich nur dadurch ein, dass ich das mir zu Gehör gekommene Wort auslege, deute. Die Lehre vom Verstehen heißt "Hermeneutik". Sofern sie logischerweise zum Basisinstrumentar eines auf Gottesworte gegründeten Glaubens und der diesen reflektierenden Theologie gehört, haben wir uns ihr intensiv zu widmen.

Meditation.

Thomas hat den für den Prediger spezifischen, der Predigt selbst vorausgehenden Verstehensprozess als "contemplari" bezeichnet. "Contemplari" meint dabei - um es in Anlehnung an den Hl. Ignatius von Loyola zu sagen - ein persönliches, vertrautes Umgehen mit dem biblischen Wort, an dem sich die Kräfte der memoria (Erinnerung), des intellectus (Einsicht, Verstand) und der voluntas (Wille) beteiligen. Zeitgenössische Homiletiker wie etwa Rolf Zerfaß werden nicht müde, die schlechthin zentrale Bedeutung der Predigtmeditation hervorzuheben. Thomas hat das als selbstverständlich vorausgesetzt. Warum daran soviel hängt und wie das vor sich geht, wird im vierten Schritt zu erörtern sein.

Das Predigt-Subjekt.

Der fünfte Schritt ergibt sich aus dem Vorausgehenden von selbst: Nicht es meditiert, sondern der Prediger in erster Person, jeder von uns als Ich. Und jeder predigt dann auch - hoffentlich - als Ich. Wir haben uns darüber Gedanken zu machen, dass Predigt unumgänglich und einzig durch das Nadelöhr eines Subjekts entsteht und dann zur Sprache gebracht werden kann. Das trägt viele Beschränkungen ein; gleichzeitig hängt die Glaubwürdigkeit jeder Predigt daran, ob "es predigt" oder "ich predige".

Rhetorik.

Das alles steckte bei Thomas in dem einzigen Wort "contemplari". Es umfasst damit den Prozess der Predigtentstehung. Den Predigtvorgang beschreibt er als "contemplata aliis tradere". Sachgemäß müssen wir diesen Teil unserer Formel von hinten her aufrollen. Predigen heißt, nicht irgend etwas, womöglich selbst Entwickeltes, reden, sondern etwas tradieren, weitersagen. Logischerweise geschieht dies wiederum sprachlich. Jede Besinnung darauf wird sich auf die Frage zu konzentrieren haben, wie ich denn das, was ich zu sagen habe so sage, dass bei meinen Adressaten auch das ankommt, was ich meine und möchte. Die dafür zuständige Disziplin heißt seit der Antike "Rhetorik". Wir haben uns mit ihr - speziell mit ihrer Notwendigkeit, ihrer Leistungsfähigkeit und ihren Gefahren bei der Predigt - im sechsten Schritt zu beschäftigen.

Kommunikation.

Wer spricht, teilt mit - und zwar nicht nur etwas und nicht nur das, was er in Worten sagt, sondern untrennbar verbunden damit auch sich und eine ganze Menge Dinge, von denen ihm eigentlich lieber wäre, seine Hörer wüßten nichts davon. Wir haben darum - Schritt sieben - wenigstens von einigen Gesetzen der Kommunikation zu sprechen. Diese Besinnung gewinnt ihr außergewöhnliches Gewicht dadurch, dass "Kommunikation" derzeit als mehr oder weniger exklusiv führendes Paradigma kultureller Entwicklung und philosophischer Theoriebildung zu gelten hat und als solches auch schon die Theologie zu dirigieren beginnt. Ich möchte darum wenigstens in Stichworten darauf hinweisen, warum sich dahinter eine grandiose und gefährliche Überschätzung kommunikativer Akte verbirgt.

Kerygma.

Das, was wir predigend tradieren und kommunizieren, trägt einen theologisch wohlbestimmten Namen: Predigt ist "Kerygma". Kerygma hat jesuanisch die "basileia", das Gottesreich zum Zentrum, apostolisch die "autobasileia" (Jesus ist selbst das Reich Gottes), wie Origenes sagt, also das christologische Bekenntnis zu Jesus von Nazaret als demjenigen, in dem sich Gottesreich authentisch realisiert. Jede Predigt steht darum auf wie auch immer näherhin zu bestimmende Weise im Kraftfeld der "Reich Gottes"-Ansage Jesu. Unter dem Titel Kerygma werden darum im achten Schritt einige der wichtigsten Baugesetze der Predigt zu verhandeln sein.

Die Hörer.

Schritt neun ergibt sich konsequent aus Schritt sechs bis acht. Jede Mitteilung oder Ansage hat Adressaten. Im Fall der Predigt sind das die Hörer - die "aliis" in der thomanischen Formel. Diese Spezies ist - salopp gesagt - ein Kapitel für sich. Man braucht ja nur daran zu denken, wie es einem geht, wenn man irgendwo eine Predigt hört. Wer auch nur ein paar Mal am Ambo stand, weiß, wozu die, zu denen er oder sie sprach, alles fähig sind - im Positiven wie im Negativen. Das zumindest nach außen gegebene monologische Profil der Predigt verlangt diese Reflexion umso mehr, damit den Predigenden die Hörer nicht unbekannte Wesen bleiben.

"Wort des lebendigen Gottes".

Und schließlich der Abschluss unseres Ganges: Wir teilen, sagt Thomas, "contemplata", Betrachtetes, mit. Betrachtet haben wir das Wort Gottes. Am Ende des Predigtvorgangs kommt also zur Sprache, wovon der Prozess der Predigtentstehung seinen Ausgang nahm - allerdings hindurchgegangen durch das Medium der Subjektivität. Wir sagen in unserer Predigt das Evangelium mit dem Vokabular und der Grammatik unserer fehlbaren und durch die Sünde angeschlagenen Existenz weiter. Und trotzdem muss jede Predigt so geschehen, dass der Prediger am Ende statt "Amen" "Wort des lebendigen Gottes" zu sagen vermag. Wie das so zugehen kann, dass sich die Predigenden dabei weder überschätzen noch gnadenlos überfordern, davon hat der zehnte, unser letzter systematischer Schritt zu handeln.

S. 22 - 24.


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