Wie Jesus Glauben gelernt hat.
Wilhelm Bruners


So hat er, obwohl er Sohn war,
an dem, was er gelitten hat,
den Gehorsam gelernt
Hebräer 5,8


Vorwort

Nicht nur ein Wortspiel

Es begann mit einer Entdeckung. Ich sollte für eine Arbeitstagung zum Thema "Das Lernen des Seelsorgers" eine Meditation verfassen. Also schaute ich in einem biblischen Wörterbuch nach, an welchen Stellen der Heiligen Schrift das Wort "lernen" vorkommt. So hoffte ich, eine Idee zu erhalten. Ich blieb an einer Stelle hängen, die ich zwar schon häufiger gelesen und gehört hatte, aber so recht aufgefallen war sie mir bisher nicht. Es waren ein paar Worte im Hebräerbrief, einem späten Zeugnis im Neuen Testament, in dem der Schreiber des Briefes ein Wortspiel macht. Der Vers im Hebräerbrief lautet: " ... und obwohl er Sohn war, hat er an dem, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt..." (Hebr 5,8). Das Wortspiel "er hat gelernt" - "er hat gelitten" wird in der griechischen Originalsprache des Textes deutlicher: emathen (hat gelernt) - epathen (hat gelitten). Hier stand also schwarz auf weiß: Jesus hat gelernt!
Sofort meldeten sich bei mir dogmatische Einwände: Jesus brauchte doch nicht zu lernen, er ,wusste alles, er hatte die Übersicht, er sah alles auf sich zukommen ..., so hatte ich es immer wieder gehört.
Wer lernt, ist Schüler. Jesus als Schüler? Der Gedanke schien mir ungeheuerlich. Jesus war Lehrer. Aber Schüler? Das würde ihn uns näherrücken, (wieder) menschlicher machen. Ich fragte akademische Theologielehrer. Jesus -ein Schüler? Sie warnten. Das könne man missverstehen, meinten sie. Natürlich stehe das im Hebräerbrief, aber es sei nur an dieser Stelle vom lernenden Jesus die Rede, sei also singulär. Man dürfe die Stelle nicht "pressen", man müsse differenzieren ...
Mich ließ das nicht mehr los: Jesus hat gelernt! Jesus -ein Schüler. Ich spürte, dass ER mir an dieser Stelle näherkam. Wie oft bin ich Schüler, Lernender! Mir fiel ein: "... in allem uns gleich, außer der Sünde", so betet der Priester im vierten Hochgebet der Heiligen Messe.
Lernen ist keine Sünde. Auch darin wurde ER uns gleich, dass ER - mit uns - gelernt hat.
Bei näherem Hinsehen sagte mir der Verfasser des Hebräerbriefes aber noch mehr. Er wies auf einen wichtigen biographischen und allgemeinen Aspekt des Lernens: Jesus hat an dem, was er gelitten hat, Gehorsam gelernt. Lernen und Leiden - sie stehen bei Jesus in enger Beziehung. Das Leiden erreicht in der Passion in Jerusalem mit dem schrecklichen Tod am Kreuz seinen Höhepunkt. Damit ist auch der Höhepunkt des Lernens Jesu markiert. Am Kreuz lernt er den Tod kennen - und er lernt in dieser Situation Gott auf eine ganz neue Weise kennen.
Aber das Lernen Jesu beschränkt sich nicht nur auf diesen Augenblick seines Sterbens. Es beginnt früher, wie auch sein Leiden früher beginnt. Jeder Lernschritt ist ein Leidensschritt. Das gilt für Jesus, das gilt für uns alle. Es gehört zu den Grunderfahrungen des Menschen. Im Lernen geben wir bisherige Positionen auf, gehen einen Schritt weiter, verlassen Vertrautes, müssen bisher Gewusstes, Erfahrenes neu einordnen, korrigieren, aufs Spiel setzen ... Jeder Lernschritt ist auch ein kleines Sterben. Im Tod wird uns der größte Lernschritt abverlangt, der größte Gehorsam. Diesen Gehorsam hat Jesus gelernt, obwohl ER Sohn war. Im Grunde, so entdeckte ich an dieser Stelle im Hebräerbrief, ist ER der eigentlich Lernende. Mir wurde bewusst, dass ich oft nicht lernen will, weil ich nicht gerne leide. Um das Leiden zu vermeiden, verharre ich auf meinem Standpunkt und verweigere mich dem nächsten Lernschritt. Das aber ist Ungehorsam im biblischen Sinn.
Mit der Entdeckung eines Wortspiels hatte es angefangen. Aber es war mehr als ein Wortspiel. Plötzlich stand ich mitten in der biblischen Theologie, die so viel von Gott und dem Menschen weiß. Seither hat ER mich nicht mehr losgelassen: der lernende Jesus, Jesus der Schüler.
Auf dem Katholikentag in Aachen 1986 traf ich Hildegard Lüning. Wir kamen ins Gespräch, kamen auf's Thema "Wie Jesus glauben gelernt hat". Sie lud mich ins Funkhaus nach Stuttgart ein. Wir machten eine Sendung. Hörer fragten erstaunt: Wie Jesus glauben gelernt hat? Es müsse doch wohl heißen: Wie Jesus Glauben gelehrt hat.
Die Sendung hörte auch Ludger Hohn-Kemler vom Christophorus-Verlag. Er fragte an, ob ich dazu etwas schreiben wolle. Ich wollte. Ich danke ihm für die Möglichkeit, Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, einige Skizzen von meiner Entdeckung des lernenden Jesus mitzuteilen. Möge ER Ihnen damit auch näherkommen, der Menschenbruder und Gottes-Sohn, der Gehorsam gelernt hat an dem, was er gelitten hat, "damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen" (Johannes 20,31).

Wilhelm Bruners, Jerusalem