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Die Wallfahrtskirche Osterbrünnl

 

Mein Marienbild

Gerade komme ich vom Spaziergang heim. Wo ich war? Nicht gar weit. Es ist mein gewöhnlicher Weg alle Tage während der Ferien. Ein kleines Viertelstündchen zum Markt hinaus durch ein kleines Wäldchen, dann an einem munteren Flüßchen entlang zu einem kleinen Waldkirchlein: zu "meinem Marienbild". In der Kapelle drinnen sieht es zwar wenig kunstvoll aus; doch daran daran stoße ich mich nicht. Und das Marienbild? Dort vorne befindet es sich als Altarbild. Wiederum wirst du das Künstlerische daran vermissen: es ist eine einfache Darstellung Mariens und wenn ich nicht irre, so hat es ein Bürger meines Heimatortes Ruhmannsfelden selber gemalt. Auch Altertumswert besitzt "mein" Bild nicht, wenn dir vielleicht meine Vorliebe für alte Sachen bekannt sein sollte. Warum es aber dennoch gerade mein Marienbild ist? Die Beantwortung dieser Frage fällt mir gar nicht so schwer. Als man mich vor einigen Jahren ungefähr um das gleiche fragte, da konnte ich nur sagen: "Weil ich eben gern in Osterbrünnl - so heißt das Kirchlein - drunten bin." Heute weiß ich etwas mehr darüber zu erzählen. Freilich bin ich mir auch wohl bewußt, wie dürftig diese "Beweisführung" ausfallen wird und, wie der Philosoph am Ende seiner Ausführung ein Credo sprechen muß, so wird es auch mir gehen: "Es ist eben mein Marienbild".

Wann ich zum ersten Male in dieses Wallfahrtskirchlein gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es bei folgender Gelegenheit: Da machten wir Anstaltskinder - ich ging nämlich in den Kindergarten - eines schönen Tages einen Spaziergang zum Osterbrünnl. Gerade vor der Kirchentüre heraußen fiel uns Buben noch einmal das Raufen ein und so mußten unser zwei - der Michl und ich - zur Strafe vorne am Altar knien wie zwei Meßbuben. Nun, das war an und für sich nichts so Schlimmes; aber warum ich damals doch so herzzerreißend schluchzte und gerade damals die Gottesmutter so lieb gewann, das kam so:

Nachdem die Kinder hinten in den Stühlen mit dem Beten fertig waren, sagte die gute Schwester Berlinda: "Schaut, Kinder, wie gut die liebe Mutter Gottes auf euch herunterschaut! Und da haben der Michl und der Fritz noch vor der Türe gerauft; die mag die Himmelsmutter gewiß nicht mehr!" - Der Michl sieht mich an und ich ihn. - Auf eins, zwei, drei haben wir zwar nicht gezählt, aber im selben Augenblicke haben wir angefangen, so herzzerreißend zu weinen, daß die Steine hätten weich werden können. Ja, es war so, die Muttergottes schaute so lieb herab und wir zwei hatten eben noch so bös sein können. Jetzt wird sie uns wohl gar nicht mehr gern haben. Wir schluchzten und weinten in einem fort. - Endlich versiegten die Tränen. Da blickte ich wieder zur Mutter hinauf. Und siehe! Sie lächelte wieder so freundlich herunter, ich wischte mir die Tränen von den Augen weg und - lachte hinauf. - Und alles war wieder gut. Seit dieser Zeit hab ich noch manchesmal ihr hinaufgewinkt und dann wieder gelächelt und so werde ich glücklich sein, wenn meine Muttergottes herunterlächelt - und das tut sie immer. -

Dieses Ereignis hatte ich schon längst vergessen und gerade jetzt, da ich über diesem Aufsatz sitze, fällt es mir wieder ein und ich kann es mir noch so gut vorstellen, als wäre es erst heute geschehen. In der Folgezeit erfuhr meine Freundschaft mit der Osterbrünnl-Muttergottes keine besondere Verstärkung; aber als der Krieg kam, wurde sie um so größer.

Aus dem Munde meiner Mutter hatte ich vernommen, daß die Feinde auch Kirchen verwüsteten und in meiner lebhaften Phantasie malte ich mir nun aus, wie schrecklich es sein müßte, wenn auch mein liebes Osterbrünnl zerstört würde. Mein Entschluß war bald gefaßt. Am nächsten Tag kamen wir Buben wie gewöhnlich nach der Schule auf der "Hollergred" zusammen, ausgerüstet mit Säbeln, Helmen, Schießgewehren und anderen "Waffen". Nun rückte ich heraus mit dem, "was meine Mutter g'sagt hat". Mein Plan wurde einstimmig angenommen. Wochenlang lagerten wir nun vor dem kleinen Wallfahrtskirchlein und warteten auf den Feind. Und ich war der glücklichste Anführer! Maria wird wohl auch damals auf uns, ihre kleine Garde, herabgelächelt haben. Was mag sie sich wohl gedacht haben? Ich glaube es ahnen zu können. -

Die Jahre kamen und gingen wieder. Während dieser Zeit kam einmal ein Tag, den ich gern wieder zurückrufen möchte. Es ist jener, an dem ich wieder im Osterbrünnl drunten kniete, wieder dort, wo einst mein Strafplatz gewesen, nur hatte ich diesmal ein weißes Röcklein an; schluchzte auch nicht, sondern betete mit dem Pfarrer lateinisch. Unter der Zeit, in der ich gerade nichts zu tun hatte, schaute ich immer unverwandt auf "mein" Bild. Aber die Muttergottes sah heute so ernst drein. Oder bildete ich mir das nur ein? Ich verlor mich ins Träumen, bis mich ein lautes "per omnia saecula saeculorum" wieder aufschreckte. Dann betrachtete ich bald das Bild und bald den Priester. Nach der heiligen Messe stieg ich ganz langsam den Kalvarienberg hinan. Bei der letzten Station setzte ich mich nieder. Dann zog ich meinen "Engel am Altare" heraus. Immer wieder betrachtete ich den Priester darinnen. Dann lief ich plötzlich wieder in das Kirchlein hinunter und betete und weinte dort noch lange Zeit.

Neben der Sehnsucht, "groß zu sein", hatte ich jetzt noch eine andere. Aber die Muttergottes lächelte und schwieg. Und auch das Kindlein auf ihren Armen sah mich mit so großen Augen an.

Ungefähr ein Jahr später ministrierte ich wieder einem mir recht wohl bekannten Geistlichen im Osterbrünnl. Nach der Messe sagte er zu mir: "Wart' ein bißchen auf mich, Fritz, und bete bis ich geh!" Als wir dann gingen, nahm er mich bei der Hand und fragte: "Fritz, möchtest du gern studieren?"

Es kam so weit. Bevor ich zum Studium fortfuhr, machte ich noch einen Besuch der Lieben Frau vom Osterbrünnl. Bei ihr drunten habe ich auch geweint, aber nicht aus Trennungsschmerz. Dann ging es fort.

Seit jener Zeit sind nun schon wieder sechs Jahre vorübergegangen. So oft ich zu Hause in den Ferien weile, gilt einer meiner ersten und letzten Besuche meiner "Mutter". "Et per te coepta finiatur", das ist jedesmal meine letzte Bitte. Sicher wird sie Erhörung finden, daß ich einmal ein wirklicher Anführer ihrer Garde werde. Vor mehr denn einem Jahr hatte ich noch dazu das Glück gehabt, mich meiner Himmelskönigin als Sodale weihen zu dürfen, was die Freundschaft mit meinem Marienbild noch mehr verstärkte.

Jetzt, wenn ich fertig bin, gehe ich nochmals den altgewohnten Weg zum Osterbrünnl und widme meine Arbeit "meiner Mutter". Ob sie wohl wieder lächeln wird über meine Einfälle?

Fritz Kiendl (1926)
+ 21. März 1965
als Pfarrer von Falkenstein

(2. Preis für die
vorzüglich gelöste Preisarbeit:
"Mein Marienbild"
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Herzlichen Dank
Herrn Pfarrer Josef Groß, Mitterfels
für den Hinweis und den Text.)