Georg Aichinger (1835-1916)
Kooperator in Pondorf 1858 - 1867


Ein Lebensbild von Hans Aichinger, Pfarrer

 

 

Georg AichingerMan schreibt das Jahr 1858. In derselben Frühlingswoche, da in Regensburg Ignatius von Senestréy zum Bischof geweiht wird, übernimmt in Pondorf ein Neupriester die 2. Kooperatorenstelle. Der neue Kooperator, Georg Aichinger, wurde am Montag, 20. April 1835 in Kogl/ Pfarrei Achslach als Ältester von vier Söhnen und zwei Töchtern geboren [Eltern: Paul Aichinger (1806 - 1872) und Monika geb. Fischer aus Kolmersbach (Samstag, 4. Mai 1805 - Samstag, 31. Mai 1879), getraut am Montag, 6. Mai 1833]. Der begabte Bub bekam im Kloster Metten die Möglichkeit zur höheren Schulbildung. Dies ist deshalb sehr erstaunlich, weil sein Vater erst 1836 den elterlichen Hof an günstiger gelegener Stelle neu erbaut und zwei weitere Bauernhöfe (Schreindorf und Zeitlhof) hinzu gekauft hatte. Somit konnte er jedem seiner Söhne einen Hof bzw. eine höhere Schulbildung mitgeben auf dem Lebensweg. Beim ältesten Sohn Georg war das mühsam ersparte Schulgeld gut investiert. Der Student hat sich mit Fleiß und Begabung in Metten die Abschlussnote "vorzüglich würdig" erworben. Er wurde in den acht Jahren seiner Gymnasialzeit am Ende der Zweitbeste seiner Klasse in Latein, während er sich in Mathematik unter 68 Schülern nur den 39. Platz sichern konnte.

Für die Ausbildung im Priesterseminar Regensburg bescheinigt ihm 1854 ein Führungszeugnis des Pfarramtes Achslach (Pfarrer Sebastian Glony) musterhaftes Betragen und fügt an: "…gibt als angehender Theologe in jeder Hinsicht die tröstlichsten Hoffnungen." Im Seminar beurteilt ihn der Präfekt als "Stubengelehrter, liest ungemein viel, ist mit allen Antiquariaten bekannt". Der Regens macht sich bei einer Vortragsübung u.a. folgende Notizen über den Alumnus Georg Aichinger: "…monoton, affektiert, sonderbarer Satzfall, zu wenig Gestik, zu abstrakt." Ob da nur die momentane Aufgeregtheit des Prüflings oder aber ein generelles Defizit in seiner emotionalen Entwicklung zum Ausdruck kam? Der Gesamteindruck aus persönlichen Briefen und Beurteilungen über ihn lässt vermuten, dass seine rationalen Fähigkeiten mehr entfaltet waren. So liegt nach dem Urteil des Regens über den Weihekandidaten (1857) Aichingers Stärke deutlich im kognitiven Bereich: "einer der talentvollsten und belesensten Alumnen, doch etwas heftiger Natur", "fast nur erste Note, selten erste bis zweite". Wenn er andererseits in einem Brief an die Angehörigen empfiehlt, dem kleinen Sepperl keinen Schnuller zu geben und ihn lieber gleich wegzuwerfen, "nicht den Sepperl, sondern den Schnuller", so verrät diese Äußerung wenig Einfühlungsvermögen und Zartgefühl, jedenfalls für heutige Ohren.

Vermutlich hat der gescheite Waldlerbub eine oder zwei Klassen übersprungen, so dass er mit päpstlicher Dispens bereits vor dem kanonischen Alter als 22-jähriger zum Priester geweiht wurde am Martinstag (Mittwoch, 11. November) 1857. Nach der Primiz fand sich jedoch zunächst keine freie Stelle für ihn. Zu einer Zeit mit starken Weihejahrgängen (z.B. 1858: 101 Neupriester) musste er fast ein halbes Jahr warten bis zum Antritt seiner ersten Seelsorgsstelle in Pondorf am 28. April 1858. In der Wartezeit bis dahin konnte er seiner schriftstellerischen Neigung nachgehen. Er arbeitete an seinem ersten Werk: "Das Kloster Metten und seine Umgebung". Die Fertigstellung des Heimatbuches zog sich noch in die Pondorfer Kooperatorenzeit hinein. Der zuständige Pfarrer Stopfinger hat offenbar am Anfang Gefallen gefunden am ausgeprägten literarischen Interesse seines zweiten Kooperators. Am 19. September 1858 bescheinigt er ihm "unermüdlichen Eifer in Kirche, Schule und Krankenseelsorge", "in jedem Zweig der Berufswissenschaften gleichviel bewandert", "besondere Fähigkeiten in der profanen Geschichte, verwendet die Nebenstunden zur Lektüre und schriftstellerischen Arbeiten. Hat sein erstes Werklein: ‘Das Kloster Metten und seine Umgebung’ bei Thoman in Landshut in den Druck gegeben."

Bald aber wird dem Pfarrer das literarische Interesse seines zweiten Kooperators zuviel, wie aus dem jährlichen Führungszeugnissen an das Bischöfliche Ordinariat hervorgeht. Am 27. Mai 1860 schreibt Pfarrer Stopfinger: "Dieser streng moralisch gesittete Priester verwendet fast alle Zeit auf sein Lieblingsstudium und leider oft zum Nachteile der Seelsorge und Unterstützung seines Pfarrers; woher es ratsam wäre, er begäbe sich zur höchsten wissenschaftlichen Ausbildung auf eine hohe Schule, denn von hoher Wissenschaft genießt die Seelsorge als quasi Nebensache wenig Vorteil." In der Beurteilung von 1862 versucht der Pfarrer offenbar seinen Kooperator "wegzuloben": "Herr Aichinger dürfte sich besonders als sehr guter Stadtkooperator, ja als ganz ausgezeichneter Stadtprediger eignen", "was ihm auch wegen der in der Stadt leichter erreichbaren Bibliotheken sehr zu wünschen wäre."

Die staatlichen Aufsichtsbehörden bescheinigen dem Pondorfer Kooperator neben seine fachlichen Qualifikation Loyalität gegenüber der staatlichen Obrigkeit: Am 7. Mai 1861 stellt ihm der Distriktsschulinspektor von Wörth folgendes Zeugnis aus: "Dem Kooperator Georg Aichinger in Pondorf wird hiermit bezeugt, dass er bei vorzüglicher wissenschaftlicher Bildung im Allgemeinen und sehr vielen pädagogischen Kenntnissen insbesondere einen sehr großen Eifer für die Schule an den Tag gelegt, in den Kindern Religiosität zu fördern und seine Anhänglichkeit an Thron und bestehende Verfassung auf die Jugend zu übertragen bemüht gewesen ist."

Das Königliche Landgericht Wörth bestätigt ihm am selben Tag, "dass derselbe während seines 3-jährigen Wirkens als Kooperator zu Pondorf sich stets musterhaft betragen und einen unermüdlichen Eifer in seinem Beruf als Seelsorger an den Tag gelegt und sich allgemein Liebe und Achtung erworben hat. Er ist mit unverbrüchlicher Treue der allerhöchsten Person Sr. Majestät des Königs und dem monarchischen Prinzip ergeben."

Der treu ergebene Staatsbürger konnte jedoch zum kämpferischen Kritiker werden, wenn es galt, die Rechte der Kirche gegenüber staatlichen Eingriffen im Kulturkampf zu verteidigen. In der 2. Dienstprüfung (Pfarrkonkurs) vertrat er die Auffassung, dass die Kirche auch weltliche Herrschaft ausüben müsse, um ihre Freiheit zu sichern. In seiner Zulassungsarbeit "über die Entstehung der weltlichen Herrschaft des Papstes und seine Bedeutung für die Kirche" betont er die institutionelle Seite der Kirche. Mit seiner eingehenden Beschäftigung mit Bischof Sailer wollte er anscheinend die pastorale Seite wieder stärker zur Geltung bringen, im Vorfeld des 1. Vaticanums und unter Bischof Senestréy einem versachlichten Glaubensverständnis und einem institutionellen Kirchenverständnis mit einer Biographie des großen Pastoraltheologen eine notwendige Ergänzung und Korrektur geben. In seinem Bericht vom 17. Mai 1866 erwähnt Pfarrer Stopfinger das zweite Werk seines Kooperators: "…hat erst im Laufe des Jahres die Biografie des seligen Herrn Bischofs Sailer zur allgemeinen Befriedigung herausgegeben". (bei Herder)

Nach fast 10-jähriger Kooperatorenzeit in Pondorf wird Georg Aichinger am 22. Dezember 1867 Beichtvater und Administrator des Klosters Azlburg (Straubing). Neben der geistlichen Begleitung der Schwestern wird die Redaktion des Straubinger Tagblatts bald (1869) zu einem zweiten Schwerpunkt seiner Tätigkeit, denn eine katholische Presse erscheint ihm als ein Gebot der Stunde. Es gelingt ihm, für die Mitarbeit an der Zeitung seinen Altmettener Studienfreund Josef Schlicht zu gewinnen. Die volkskundlichen Beiträge des Steinacher Schlossbenefiziaten finden lebhaftes Interesse bei den Lesern und Schlicht findet Gefallen am Artikelschreiben.

Vom befreundeten Redakteur zu schriftstellerischer Arbeit gefordert (und dadurch gefördert), entdeckt Josef Schlicht sein literarisches Talent und entwickelt sich zum bekannten Volksschriftsteller (z.B. "Bayerisch Land und Bayerisch Volk", "Blauweiß in Schimpf und Ehr"). Daneben schreibt Schlicht zahlreiche Bühnenstücke ("Dorftheaterspiele", 1894).

Es gehört zu den Verdiensten Georg Aichingers, den Schriftsteller Josef Schlicht entdeckt zu haben. Ein weiteres gutes Werk sei noch erwähnt: 1902 stiftet Aichinger seiner Heimatgemeinde Achslach ein Frühmessbenefizium. Mit der Lebensgrundlage für einen zweiten Priester am Ort will er einen weiteren Sonntagsgottesdienst ermöglichen (der Priester durfte damals nur einmal am Tag zelebrieren!). Die Leute sollten nicht weiterhin genötigt sein, zur Erfüllung ihrer Sonntagspflicht alle gleichzeitig außer Haus zu gehen und die kleinen Kinder allein daheim zu lassen.

Pfarrer Stopfinger hat einst seinem Kooperator "eine schwache Körperkonstitution" bescheinigt. Damit ist Georg Aichinger immerhin 81 Jahre alt geworden. Am Dienstag, 15. Februar 1916 "san d’Wagscheitln brocha" (Josef Schlicht). Gott weiß, was er in 59 Priesterjahren alles zum Guten bewegt hat: an seinen beiden Seelsorgestellen, bei seinen Lesern und bei seinen Angehörigen, die ihn respektvoll "Herr Vetter" nannten.

aus:
1200 Jahre Pfarrgemeinde
Pondorf a. d. Donau.

Hg. von der Pfarrkirchenstiftung
Pondorf a. d. Donau.
1995. S. 297-299.

Georg Aichingers Sailer-Biografie

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